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von
Roberto Quaglia
 
 
Il difficile ritorno del signor Sheckley

 


Das war der Sommer von Robert Sheckley. Der große Schriftsteller kam nach Italien, dank der Initiative und dem Einsatz von Roberto Quaglia, der ihn einlud, umsorgte und einen ganzen Monat lang durch Italien und Europa kutschierte. Wer Gelegenheit hatte, ihn zu sehen, war begeistert — siehe in dieser Nummer die Kommentare von Vittorio Curtoni in Memories of green und von Roberto Genovesi in Interazioni — und wir haben beschlossen, euch diese Chronik des Erlebten vorzulegen, ein wenig eigen (es konnte gar nicht anders sein, da von Quaglia verfasst) und überaus faszinierend (siehe oben).


Ankunft in Italien

Die Ankunft in Linate
Mailand Linate, Mittwoch, 21. Juli 1999, 14:30 Uhr. Es kommen und gehen jede Menge Flugzeuge, aber nur eines ist wichtig. Zum Flughafen sind wir zu dritt gefahren: Max Morando, Daniele Vecchi und der Unterzeichnete. Gegen fünfzehn Uhr und ein paar Zerquetschte sollte uns das einzig wichtige Flugzeug jenes Tages den einzigen Robert Sheckley des uns bekannten Universums in die Hände legen. Es ist schwer zu glauben, auch wenn eine lange Folge unwahrscheinlicher Ereignisse diese Möglichkeit gesegnet wahrscheinlich gemacht hat. Jahre und Jahre E-Mail-Korrespondenz, frühere vom Zufall vereitelte Versuche und endlich eine bewundernswerte Geometrie günstiger Zufälle. Und so wird das Unwahrscheinliche unausweichlich, und wir stehen da in Linate und beben vor unserer besten Erregung. Das Flugzeug, das wir erwarten, landet. Wir bereiten uns auf die Begegnung vor, und kurz darauf sehen wir die Passagiere an uns vorbeiziehen. Wer von ihnen ist Sheckley? Wir wissen nicht recht, wie er aussieht. Im Gedächtnis nur die Erinnerung an ein paar jahrzehntealte Fotos. Wird das genügen, um ihn zu erkennen? Wir betrachten aufmerksam alle Gesichter, die an uns vorbeiziehen. Und dabei werden wir langsam Opfer jener selben Metaphorischen Deformation, die Sheckley in einem seiner Bücher erfand. Wir beginnen, Sheckley in jeder allein reisenden Person eines gewissen Alters zu halluzinieren. Wir folgen sogar einigen, versuchen aufzufallen, in der Hoffnung, sie verwandelten sich in den Sheckley, der sie offensichtlich nicht sind. Die Zeit vergeht, und schon sind fast alle Passagiere vergeblich durch unser Sieb gegangen. Die Metaphorische Deformation drängt, und auch ein alter Japaner scheint uns für ein paar Augenblicke der Unsere sein zu können. Dann sind die Passagiere zu Ende, und auch die Zeit von Daniele, der ins Büro zurückmuss. Es bleiben Max und ich, und das Einzige, was wir tun können, ist, auf das nächste Flugzeug zu warten.
Das wichtige Flugzeug erweist sich als das um 18:30 Uhr. Und endlich, mit einem Mal, ist Sheckley bei uns. Er trägt Bermudas und Badeschlappen und hat nur eine große Tasche, einen Rucksack und ein elegantes Sakko bei sich, das er in der Hand hält. Während der ganzen Reise, im folgenden Monat, wird er es kein einziges Mal anziehen.
Zwei Stunden später sind wir in Genua, wo Sheckley zu Gast ist bei Maurizio Frizziero (Popi für die Freunde), in seinem schönen Haus gegenüber dem kleinen Strand von Boccadasse, vielleicht überhaupt dem stimmungsvollsten Winkel Genuas. Dort, an einem mit Schinken und Melone gedeckten Tisch, verbringen wir einen herrlichen Abend mit Gesprächen, vor allem über die Unwahrscheinlichkeit dessen, was uns gerade widerfährt. Popi und mir wird sofort klar, dass Sheckley hier nicht ist und auch nie sein könnte. Bei uns ist hier nur Robert, und Robert ist wahr und existiert in Fleisch und Blut und ist hier bei uns, während Sheckley in unseren Gehirnen als Darstellung existiert. Darstellung der Darstellung, wird Mario später pedantisch anmerken. Jedenfalls ein Mythos, ein Archetyp, eine abstrakte Wesenheit, die unsere Sinne nie werden kennenlernen können, so sehr haben wir sie uns in der Vergangenheit vorgestellt. Der Einfachheit halber werde ich ihn im weiteren Verlauf dieses meines Berichts dennoch Sheckley nennen. Doch wisset, dass ich in Wahrheit an Robert denken werde, denn er ist es, den ich kennengelernt habe.

 Donnerstag, 22. Juli ist ein Tag der Akklimatisierung. Es ist sehr heiß, es gilt einen Jetlag zu überwinden, wir beschließen, uns nicht zu verausgaben. Was uns nicht daran hindert, einen herrlichen Abend im Lokal von Enrico Reboscio zu genießen, Gastwirt und Bewunderer Sheckleys, der uns einen breiten Querschnitt typischer ligurischer gastronomischer Spezialitäten bietet.

 

In der Buchhandlung Fahrenheit 451
Freitag, 23. Juli sind wir in Piacenza. Zum Mittagessen eingeladen hat uns Vittorio Curtoni, ein entzückender Mensch, über seine Verdienste im Bereich der italienischen Science-Fiction hinaus. Und das Mittagessen, gekocht von seiner Frau Lucia, ist entschieden der Lage angemessen. Nach dem Essen gönnt sich Sheckley ein Nickerchen auf dem Sofa. Später wird Vittorio erklären, er hätte über dem Sofa eine Tafel anbringen lassen mit der Gravur: Hier schlief Robert Sheckley. Was uns später zu der Idee führen wird, für eine künftige Reise eine Tafel vorzubereiten mit der Aufschrift Hier ist jetzt Robert Sheckley, in Echtzeit überall dort aufzustellen, wo wir haltmachen. Am Nachmittag verdichtet sich die Realität. Bei Curtoni zu Hause treffen pilgernd aus halb Italien Bewunderer Sheckleys ein. Dann begeben wir uns in die Buchhandlung Fahrenheit 451, wo der Unsere für ein lokales Fernsehen interviewt wird. Schließlich landen alle beim Essen in einer ausgezeichneten Trattoria. Die Zeugen Sheckleys sind noch zahlreicher geworden, und nun sind es vierzig Personen, die mit ihm essen. Nach dem Abendessen geht es zurück in die Buchhandlung zu einer öffentlichen Vorstellung des Autors. Um elf Uhr abends machen wir uns wieder auf den Heimweg, Richtung Genua. Es war ein wunderschöner Tag, ausführlicher und aus einer anderen Perspektive beschrieben von Vittorio Curtoni in eben dieser Nummer von Delos. Sheckley ist sehr zufrieden. Ich auch. Vittorio ebenfalls. Falls es einen Unzufriedenen gibt, hat er sich offenkundig diskret zurückgezogen.

 Samstag, 24. Juli, und Sonntag, 25. Juli, sind verhältnismäßig ruhige Tage. Aber deshalb nicht weniger bedeutsam. Die Großen Dinge sind nicht notwendigerweise große Dinge. Wir kurven ein wenig durch Genua und Umgebung mit Alessandro Testa und anderen Freunden, doch wir alle sind eher Typen, die sich mehr für die Dinge interessieren, die wir uns sagen, als für die, die wir tun. Am Sonntag, bei Popi zu Hause, mit dem blauen Meer, das uns vom Fenster aus dezent an die Existenz der Welt erinnert, schauen wir auch zerstreut den Großen Preis im Fernsehen, im Bewusstsein, dass ein Hintergrund den anderen wert ist für unsere Gespräche.

 

Montag, 26. Juli, machen wir einen Ausflug an die Riviera, nach Camogli, und mit dem Boot ergibt sich sogar ein Abstecher nach San Fruttuoso di Camogli. Das Wetter ist immer schön. Und unsere Gespräche auch. Ich werde euch Fotografien zeigen können, die euch überzeugen, dass das Wetter schön ist. Aber was die Gespräche angeht, müsst ihr mir aufs Wort glauben. Wir sind immer zufrieden.

 Dienstag, 27. Juli, stehen uns die Cinque Terre bevor. Sheckley hatte Gutes darüber gehört, also beschließen wir, sie zu besuchen. Wir fahren mit dem Auto bis Manarola. Zu Fuß, auf der berüchtigten Via dell'Amore unter brennender Sonne, erreichen wir Riomaggiore. Von hier bringt uns ein Boot nach Vernazza, von wo ein Zug uns zurück zu unserem Auto in Manarola bringt. Es zu sagen braucht eine Handvoll Worte, es zu tun braucht reichlich Zeit und beträchtliche Mühe. Liebhaber der Übertreibung, finden wir auf dem Rückweg Zeit und Energie auch noch für einen Besuch in Portofino. Als der Tag endet, ist Sheckley erschöpft. Aber die Cinque Terre haben ihn sprachlos zurückgelassen, und nicht nur wegen der Müdigkeit.
Wir beschließen, dass der Mittwoch, 28. Juli, ein Tag völliger Ruhe sein soll. Es regnet, und mit dem Regen sinkt die Temperatur, gewährt uns eine Atempause und begünstigt eine bessere Erholung. Der Tag wird dennoch belebt durch einen Besuch von Natalino Bruzzone, der bei Popi zu Hause ein herrliches Interview für die Kulturseite des Secolo XIX.

 

Bei Mondadori: von links Lippi, Laura Serra, Sheckley, Festino, Alessandri, Quaglia
Donnerstag, 29. Juli, fahren wir nach Mailand. Erste Etappe: Segrate, Mondadori. Uns empfängt ein überaus herzlicher Giuseppe Lippi, Herausgeber von Urania, und mit Überraschung entdecken wir, dass er nicht allein ist: Wir treffen Vittorio Curtoni wieder, Laura Serra, Giuseppe Festino, Piergiorgio Nicolazzini, Ferruccio Alessandri, alle schon in Piacenza dabei gewesen, dazu Claudio Asciuti, Domenico Gallo und diverse andere. Wir essen in der Kantine von Mondadori, woraufhin Sheckley uns für eine Runde Interviews und Geschäftsgespräche entführt wird. Wir warten geduldig lange in einem kahlen Kämmerchen. Einer nach dem anderen gehen alle, und ich finde mich mehr oder weniger allein wartend wieder. Endlich tauchen die Verschwundenen wieder auf, und man kann in die Stadt fahren. Ziel: die Libreria del Giallo, in der Via Peschiera 1. Ein ausgezeichneter Ort, so sehr, dass ich sogar die Adresse angebe. Weitere Fans strömen dorthin, und sofort herrscht ein schönes Geplauder, begossen mit dem Sekt, den die Betreiber spendieren. Auch Claudio del Masotaucht auf. Und schon ist es Abend, das heißt Zeit zum Abendessen, genauer: für Pizza. Zur Gelegenheit erscheint auch Luca Masali. Große gemeinschaftliche Pizzarunde, gewürzt mit vier weiteren Plaudereien. Wir sind alle zufrieden, und wer es nicht ist, scheint es. Ein paar Stunden Auto, um nach Boccadasse zurückzukehren, und auch dieser lange Tag geht zu Ende.

 Freitag, 30. Juli, verlassen wir Genua und Boccadasse. Sheckley fragt mich: Werden wir nicht mehr hierher zurückkehren? Ich antworte: Nicht auf dieser Reise. Lange werde ich mich an die plötzliche Traurigkeit erinnern, die sein Gesicht annahm. Beim Abschied schaut Popi ihn an, lächelt und sagt zu ihm: Es ist nicht nötig, dass wir jetzt etwas sagen. Sheckley nickt knapp und kommt mit mir mit. Popi und Robert hatten sich in den langen Nächten, die sie mit Gesprächen verbrachten, während andere schliefen, schon viel gesagt. Wir steigen ins Auto und fahren nach Lucca, wo wir einige Stunden später ankommen. Uns empfängt Alessandro Fambrini, der uns mit dem Fahrrad abholt und uns den Weg zu seinem Haus weist, wo wir zu Gast sein werden. Es ist ein ruhiger Nachmittag, der uns erwartet. Wir sterben nicht vor Verlangen, das zu tun, was Touristen tun, wenn sie irgendwo ankommen. Man ruht sich ein wenig aus, macht eine gemütliche Autorunde um die Stadtmauern, fährt zum Bahnhof, um Stefano Carducci abzuholen, der aus Treviso eintrifft. Und am Abend gehen alle zusammen in einer ausgezeichneten Trattoria auf dem Hügel essen.

 

Samstag, 31. Juli, beginnt mit einer Runde über die umliegenden Hügel, wo wir auf ein unwahrscheinliches Wachteldrom stoßen, einen jedenfalls finsteren Ort, von dem ich instinktiv Abstand halten möchte. Wir beschließen, die Luft zu wechseln, und ziehen weiter nach Pisa, wo uns Francesco Ghetti in Obhut nimmt, der uns als Fremdenführer dient. Am Abend sind wir bei ihm zum Essen zu Gast, und Menge und Qualität der Gänge sind derart, dass sie uns entschieden in die Krise stürzen (vor allem den Unterzeichneten). Mit einfachen Worten: zu viel gegessen und getrunken. Aber wie sollte man widerstehen? Auf die eine oder andere Weise finden wir den Heimweg wieder und treten eine lange Nacht des Schlafs und der Verdauung an.

 

Sonntag, 1. August, ist ein Tag, der wenig empfehlenswert ist, um sich auf die Autobahn zu begeben. Aber die Logik der intelligenten Abfahrten hilft uns. Seit die intelligenten Abfahrtenin Mode gekommen sind, sind die traditionell schlechtesten Tage zum Losfahren die besten geworden, da niemand so dumm ist, sich ausgerechnet an jenen Tagen auf den Weg zu machen. Also begegnen wir auf den Autobahnen keinem Verkehr und erreichen Treviso problemlos am frühen Nachmittag. Wir nächtigen bei Stefano Carducci. Wir ruhen uns einige Stunden aus, und am Abend schlendern wir durch die Stadt und halten zum Abendessen in einer weiteren ausgezeichneten Trattoria, wo unsere edlen Vorsätze diätetischen Fastens zum x-ten Mal scheitern.

 

Montag, 2. August, fahren wir nach Venedig. Es ist sehr heiß, es gibt viel Sonne und noch mehr Touristen. Sheckley hatte Venedig seit gut zwanzig Jahren nicht gesehen. Der Ort inspiriert ihn, und so beginnt er zu schreiben. Überall, während unseres gesamten Pilgerns, wird Sheckley keinen Augenblick lang sein Notizbuch und seinen geliebten Montblanc-Füller aus der Hand legen. Jeden Tag, viele Male am Tag, haben wir ihn gesehen und werden ihn sehen, wie er Notizbuch und Füller zückt und zu schreiben beginnt oder fortfährt. Aber in Venedig ist es ein besonderer Moment. Wir sehen ihn mit intensiverer Hingabe als sonst schreiben. Nach einer mittelmäßigen Pizza besuchen wir die Buchhandlung von Giampaolo Cossato. Mitten am Nachmittag ist es Zeit, nach Treviso zurückzukehren für ein wenig Siesta. Wir haben entdeckt, dass Sheckley die Details von Venedig, wie übrigens aller Orte, nicht sonderlich interessieren. Was er an den Orten sucht, die er aufsucht, ist die Atmosphäre, die sie vermitteln. Die Atmosphäre ist der unaussprechliche Bestandteil der Orte, der interessanteste Aspekt dessen, was dich umgibt. Am Abend stößt Daniele Vecchi mit seiner Frau Debora zu uns, und alle zusammen essen wir vorzüglich bei Carducci. Stefano zückt ein Repertoire an Vinylplatten mit Musik, die Sheckley seit Jahrzehnten nicht gehört hatte. Und sofort ist es Nostalgie, oder etwas aus jener Gefühlsfamilie. Der Abend entwickelt sich und endet angenehm.

 


Prag

Dienstag, 3. August, treffen am frühen Morgen aus Genua Mario Quaglia, Ada Cortese und Max Morando ein. Mit ihnen machen wir uns auf den Weg und verlassen Italien, die Schnauze des Autos nach Norden gerichtet. Wir sind zu fünft in meinem Auto, es ist eng (vor allem für die hinten Sitzenden, da Max allein etwa 120 Kilo seiner selbst fasst), aber der Kofferraum ist groß und der Motor tut seine Pflicht. Wir verlassen das Land bei Tarvisio und steuern auf Salzburg zu, dann biegen wir nach rechts Richtung Linz ab, woraufhin wir die Bundesstraße nach Norden nehmen und in die Tschechische Republik eintauchen. Wir kommen gegen neun Uhr abends in Prag an, nach einem Tag voller Fahrt, Sonne und überaus angenehmer Landschaften. Uns erwartet Yaroslav Olsa Jr., junger tschechischer Diplomat sowie einer der größten Science-Fiction-Experten seines Landes. Er ist es, der uns nach Prag eingeladen hat, und er ist es, der uns eine komfortable Wohnung zur Verfügung stellt, in der wir Quartier nehmen. Es bleibt noch Zeit und Energie für ein Abendessen in der nächstgelegenen Trattoria. Ich weiß nicht, wie es den anderen geht, aber ich bin erledigt. Ich habe den ganzen Tag gefahren, und eine Nacht tiefen Schlafs ist entschieden willkommen.

 

Sheckley und Quaglia in einem Café in Prag
Mittwoch, 4. August Was macht man am ersten Tag in Prag? Man sieht sich um. Man geht in das Gewirr der Altstadt, um die Souvenirs anzuschauen, die man an allen touristischen Orten der Welt verkauft, man versucht, ein wenig von Prag durch die dichte Decke der Touristen zu erspähen, und das ist in der Tat, was wir tun. Für ein paar Stunden. Hier und da setzt man sich, um einen Kaffee zu trinken oder etwas zu naschen. Wir sind weiter nördlich, und endlich ist die Temperatur erträglich. Und das Wetter ist ohnehin schön. Und trotz der Touristen hat Prag eine einzigartige Atmosphäre. Am Nachmittag geben wir 20.000 Lire für ein Taxi aus, um achthundert Meter bis zum Außenministerium zu fahren, wo Yaroslav Olsa uns erwartet. Tadellos in seinen eleganten Diplomatenanzug gekleidet, empfängt uns Yaroslav in Begleitung einer faszinierenden Kollegin von seltener Intelligenz, Jana Pechova, die für den Rest des Tages bei uns bleiben wird. Das Außenministerium liegt auf einem Hügel, und ein langsamer Spaziergang hinab ins Tal verbindet die touristischen Bedürfnisse perfekt mit unserer legitimen Faulheit. Auch weil wir uns am Fuße des Hügels im exotischen Haus Yaroslavs wiederfinden, voll afrikanischer Kunstwerke sowie vor allem Science-Fiction-Bücher aus aller Welt. Aber ich spreche nicht von der Welt, die ihr kennt. Ich spreche von birmanischen, äthiopischen, kongolesischen Science-Fiction-Büchern und so weiter und so fort. Ein Schmuckstück nach dem anderen. Und wir trinken darauf. Es ist die Stunde des Aperitifs. Bald wird der Gotha der tschechischen Science-Fiction in einem der exklusivsten Restaurants des Zentrums auf uns warten. Und da sind wir kurz darauf in der Tat, in jenem erlesenen Ambiente, dessen Lage ich leider vergessen habe, an einer großen, nur von Kerzen erleuchteten Tafel sitzend, in Erwartung eines Abendessens auf Basis böhmischer Küche. Außer Uns, Yaroslav und Jana sind da Ondrej Neff, bekannter tschechischer Schriftsteller, Ivo Zelezny, SF-Verleger, Ivan Adamovic, Herausgeber der Zeitschrift Ikarie und diverse andere. Das Essen ist gut, aber mit der Zeit hätte ich es vergessen, da der Kontext interessanter ist. Wir trinken auch jede Menge guten Wein. Am Ende des Abendessens gehen alle in eine berühmte Bierschwemme, wo sich ab und zu, so scheint es, Präsident Havel persönlich sehen ließ. Wir gehen einen Schritt am jüdischen Ghetto vorbei, wo in jenem Augenblick eine Szene für einen Film gedreht wird, der vor einiger Zeit spielt. Wir sehen jede Menge Nazis, beschäftigt damit, Juden zusammenzutreiben. Kurz darauf sind wir in der Bierschwemme, wo ich mir vornehme, nichts zu trinken. Es wäre zu viel. Mein Vorsatz hält jedoch keine Handvoll Sekunden. Und runter mit dem Bier, wirklich gut! Wir sind alle zufrieden. Sehr zufrieden. Es ist eine Reise voller Zufriedenheiten. Das ist nicht alltäglich. Es ist schade, dass man jedes Mal, wenn man zufrieden ist, am Ende trotzdem schlafen gehen muss. Und am nächsten Tag muss man wieder von vorne anfangen.

 Donnerstag, 5. August Wir fangen wieder von vorne an, indem wir uns gleich eine Videokamera klauen lassen. Das ist nicht das Beste, um die Zufriedenheit des Vortags wiederherzustellen. Wir bummeln durch das Zentrum von Prag in Erwartung des nächsten Termins. Am Nachmittag erwarten uns die Fans in einem der wichtigsten Science-Fiction-Clubs. Dort ist der Empfang sehr herzlich, aber nur für Sheckley. Einige Stunden lang bemerkt niemand, dass neben Sheckley noch drei andere Personen sind, und niemand würdigt uns eines Grußes. Subjektiv zog ich die VIPs des Vorabends vor. Nach einer Weile beginnen wir Italiener nämlich, uns überflüssig zu fühlen. Was tun wir hier? Nach einer Weile taucht jemand auf, den ich kenne, und die Lage bessert sich ein wenig. Yaroslav hatte mich gewarnt und vor der geringen Geselligkeit der Tschechen gewarnt. Andererseits muss man es erleben, um es zu glauben. Die einzige Emotion ist, die mystische Trance eines sympathischen russischen Fans im Angesicht Sheckleys zu beobachten. Selten habe ich so viel Emotion in den Augen eines Fremden gesehen. Und ein wenig emotionale Osmose ist die logische Folge. Von diesem Nachmittag werde ich so in Zukunft nur die Augen dieses jungen Mannes in Erinnerung behalten. Auch weil ich, da ich schon dabei war, die ganze Szene gefilmt habe. Am Abend essen wir mit einer Gruppe von Fans.

 


Ungarn

Freitag, 6. August On the road again. Wir brechen ohne Eile gegen Mitte des Vormittags nach Budapest auf. Die Reise wird länger als nötig wegen eines unnützen Umwegs durch Österreich. Wir kommen gegen Abend in Budapest an und finden sofort eine Unterkunft. Da immer ich gefahren bin, bin ich erheblich müde. Das hindert uns nicht daran, auf einem Schiff auf der Donau essen zu gehen, wo wir — o weh — über die Stränge schlagen. Schuld ist das allzu gute Essen.

 

In Budapest
Samstag, 7. August Nach dem Frühstück eine schöne Runde durch Budapest, nur um sich einen Eindruck zu verschaffen. Am Nachmittag machen wir uns wieder auf den Weg, Richtung Südost. Wir genießen die letzten achtzig Kilometer Autobahn. Danach werden es nur noch Bundesstraßen sein. Es ist sehr heiß, aber die Klimaanlage rettet uns. Wir passieren die letzte ungarische Stadt, Szeged, und erreichen endlich die Grenze zu Rumänien. Alles ist verstopft, und es dauert mehr als eine Stunde, hindurchzukommen. Eine weitere Stunde verlieren wir virtuell durch die Zeitumstellung. Es ist später Nachmittag, als wir endlich durch die trostlosen Ebenen der rumänischen Landschaft im Nordwesten des Landes preschen. Es dauert nicht lange bis Timisoara, unserem heutigen Ziel. Im Hotel Continental finden und schätzen wir die für uns reservierten Zimmer. Sheckley ist müde und ratlos. Er erklärt, Italien sei etwas anderes gewesen. Aber er beklagt sich nicht, noch bedauert er, hier zu sein. Es ist schon Abend, und es bleibt gerade Zeit, etwas auf der Restaurantterrasse des Hotels zu essen, während neben uns nicht übermäßig bekleidete Tänzerinnen für die Live-Übertragung eines lokalen Fernsehens eine Show abliefern. Vor einer guten Mahlzeit und einem guten Bier sowie einer ganzen Reihe entfesselter Tänzerinnen ein Stück weiter erholt sich auch Sheckleys Laune rasch. Während der Stunden und Stunden im Auto in den letzten Tagen hat er reichlich geschrieben, und das genügt, um ihn zufrieden zu stimmen. Sitzend zu schreiben, bemerkt er, ist das, was er seit jeher zu tun pflegt, und im Auto mit uns kann er außerdem auch plaudern und die wechselnde Landschaft betrachten.

 


Rumänien

Sheckley und Cowie
Sonntag, 8. August Es ist sehr heiß in Timisoara. In der Hotelhalle treffen wir diejenigen, die uns nach Rumänien eingeladen haben. Jonathan Cowie, schottischer Wissenschaftler sowie kultivierter Mensch und überaus angenehmer Freund, heißt uns herzlich willkommen. Er ist, mehr als andere, der Organisator der Veranstaltung, an der teilzunehmen wir gekommen sind. Aber viele sind im Continental zusammengeströmt, um uns zu begrüßen. Da ist Jim Walker, wie Jonathan aus England gekommen. Da sind die Rumänen Silviu Genescu, Antuza Genescu e Dorin Davideanu. Nach den unvermeidlichen Höflichkeiten entscheidet man sich für einen Besuch im lokalen Museum der Landhäuser, einem Park, in dem die traditionellen rumänischen Landhäuser nachgebaut wurden. Es ist nicht das Ende der Welt, aber immerhin etwas Neues und jedenfalls die Gelegenheit für einen Spaziergang. Es gibt ein viel größeres und interessanteres Museum dieser Art in Bukarest, aber wir sind in Timisoara. Das im Ganzen ohnehin ein interessanter und angenehmer Ort ist. Am Nachmittag findet die Eröffnungszeremonie des Conventions statt. Persönlich verabscheue ich jede Zeremonie jeglicher Art, also werde ich nicht behaupten wollen, dass sie für mich eine Quelle der Freude sei. Sagen wir, ich langweile mich weniger als sonst. Wahrscheinlich sind solche Zeremonien ein notwendiges Übel. Am Abend essen wir typischerweise auf rumänische Art. Als Küche ist das nicht schlecht, aber wenig abwechslungsreich, und nach ein paar Mahlzeiten hat man schon alles probiert.

 

Sheckley und Quaglia mit Sponsoren-Logos geben Autogramme
Montag, 9. August, werden wir zu einem Museum geführt. Wir sind keine Museumstypen, weder Sheckley noch der Unterzeichnete, also entkommen wir bald und flüchten uns zu McDonald's, einem Ort, den keiner von uns beiden normalerweise frequentiert. Aber hier ist es verdammt heiß, und McDonald's hat Klimaanlage. Und außerdem ist es nicht Pflicht zu essen. Dafür gibt es Getränke. Kurz darauf kommt das Team eines nationalen Fernsehsenders, um uns zu interviewen. Am Nachmittag ein wenig Ruhe im Hotel. Das Hotel Continental ist groß und einladend, es zählt rund zehn Stockwerke, von denen eines interessant ist: das zweite. Tag für Tag werden wir nämlich alle empfänglich für das, was wir das Geheimnis des zweiten Stocks zu nennen beginnen: Jedem von uns widerfährt es nämlich bei seinem Auf und Ab mit dem Aufzug häufig, sich in Gesellschaft herrlicher Mädchen wiederzufinden, von denen zu sagen, sie seien bekleidet, zu viel ist, die alle ausnahmslos im zweiten Stock in den Aufzug ein- oder aussteigen. Besagte Grazien verschwinden dann wer weiß wohin mit derselben Plötzlichkeit, mit der sie erscheinen. Eingehende Erkundungen im zweiten Stock helfen nicht, das Geheimnis zu klären. Und uns bleiben nur unsere Hypothesen.

 

Die Zeitungen von Timisoara am Tag darauf
Dienstag, 10. August, bin ich noch nicht recht aufgewacht, da finde ich mich mit Sheckley, Max, Mario, Ada, Jonathan und allen anderen in der Buchhandlung BIC-ALL wieder zur Vorstellung der rumänischen Ausgabe von Sheckleys Buch Scambio Mentale (Transfer Mental) und meines Pane, burro e paradossina (Pâine, unt si paradoxina), beide bei Nemira erschienen. Es ist auch ein Sponsor im Spiel, das Bier Kaiser, und Sheckley und ich müssen rote T-Shirts mit dem Markenzeichen des Biers tragen und vor allem jede Menge Bier trinken, das Ideale frisch aufgewacht. Da ist auch der Vizebürgermeister von Timisoara, der sich in einer langen Rede auf Rumänisch ergeht. Als ich an der Reihe bin, rede ich eine Weile ins Blaue hinein, wie es mir seit langem widerfährt, wohl wissend, dass ohnehin jeder schnell vergessen wird, was ich sage, nur dass ich mich diesmal irre. In den folgenden Tagen werde ich nämlich mit einigem Entsetzen meine zusammenhanglosen Argumente getreu wiedergegeben in mehreren Artikeln in allen Lokalzeitungen wiederfinden, als bedeuteten sie wirklich etwas. Sheckley, umsichtiger, wählt eine nüchternere Linie. Es ist relativ viel Publikum da, da die Lokalzeitungen in den vorangegangenen Tagen das Ereignis aufgebauscht haben, indem sie die Artikel auch mit Bildern bebilderten, die ohne mein Wissen von meinen Websites im Internet heruntergeladen wurden. Der Marketingdirektor von Nemira, Laurentiu Teohar, hat offensichtlich gute Arbeit geleistet. Nach den Reden stört uns eine traditionelle Belagerung um das Autogramm auf den Buchexemplaren überhaupt nicht, und schließlich erlischt auch dieser schöne Moment. Und die generischen Stunden beginnen wieder in der glühenden Hitze von Timisoara zu verrinnen, und wir flüchten uns wieder für ein paar Minuten zu McDonald's. Um fünf Uhr nachmittags wohnen wir einem Vortrag von Jonathan Cowie über die morgige Sonnenfinsternis bei.

 


Sonnenfinsternis

Sheckley betrachtet die Sonnenfinsternis
Mittwoch, 11. August, ist der Tag der totalen Sonnenfinsternis. Und er beginnt miserabel. Der Himmel ist gänzlich bedeckt, und es regnet. Dann hört es auf, aber der Himmel bessert sich nicht. Endlich wird es kalt. Sheckley sagt, ein wenig Kühle sei ihm lieber als die Finsternis. Dennoch beschließe ich, mir trotzdem nichts daraus zu machen. Es wird ohnehin interessant sein, den Tag zur Nacht werden zu sehen. Inzwischen beginnt die partielle Finsternis, so sagt es zumindest unser Tabellchen. Wir können nichts sehen, abgesehen von den normalen Dingen. Nur dass die Wolken sich langsam ausdünnen, und plötzlich erspäht jemand einen Anflug von Sonne, der durch den launischen Himmel durchschimmert. Sofort ein großer Wettlauf, um die Finsternisbrillen zu holen. Der Himmel öffnet sich noch ein wenig, und ab und zu zeigt sich die Sonne für ein paar Minuten ganz. Und so haben wir unsere partielle Finsternis gehabt, sagen wir uns. Wir nähern uns dem Moment der Totalität, und der Himmel öffnet sich immer mehr. Vielleicht haben wir Glück. Die meteorologische Unbekannte macht das Ganze wahrscheinlich viel aufregender, als es bei idealen Wetterbedingungen gewesen wäre. Wir sind in unserem Hotel und steigen auf die Terrasse. Von dort überblickt man die ganze Stadt. Ab und zu kommt ein kurzer Wasserguss herunter, nur so zum Genuss. Auf dem Dach interviewt ein lokales Fernsehen Sheckley und mich live, und unter dem Vorwand der Finsternis bewerben wir unsere Bücher. Es fehlt nur noch eine Handvoll Minuten bis zum schicksalhaften Moment, und der Himmel ist wieder vielversprechend geworden. Ein Lauf hinunter ins Zimmer, um im Fernsehen das Fortschreiten der totalen Finsternis durch Europa zu verfolgen. Fernsehen via Satellit, britische, französische und deutsche Programme, die der Reihe nach die totale Finsternis dokumentieren und kommentieren, die kommt und geht. Unerwartet ist es bewegend, trotz der Dummheiten, die die diversen Kommentatoren nicht zu sagen vermeiden können. Als die totale Finsternis auch Österreich verlässt, ist es Zeit, wieder aufs Dach zu stürzen. Es gibt Gerangel um den Aufzug, aber wir gewinnen. Die Sonne ist noch sichtbar, durch eine dünne Wolkenschicht, die sich rasch bewegt, aber es ist nur eine winzige Sichel. Die Wolken dienen als Filter, und man kann sogar problemlos mit bloßem Auge schauen. Am Horizont ist der Himmel inzwischen im Westen tiefschwarz geworden. Es ist die totale Finsternis, die heranrückt. Dann landet eine hässliche Wolke dort, wo sie nicht sollte, und die Sonne verschwindet, völlig verfinstert von der Wolke einen Moment, bevor es der Mond tut. Und dann ist mit einem Mal alles dunkel, und so bleibt es eine Weile. Wir sehen die unwillkommene Wolke sich bewegen, aber nicht schnell genug. Die Stadt ist im Dunkeln, der Himmel über uns ist dunkel, aber der Horizont ist rundum, auf 360 Grad, hellleuchtend. Ein nie gesehenes Panorama. Dann nähert sich die Lichtlinie, so wie zuvor das Dunkel gekommen war. Ich schaue nach oben, und die Wolke ist fast weg — ich höre ein Getöse von Stimmen aus einem anderen Stadtviertel kommen. Dort drüben ist die Wolke schon weg, und für einen Augenblick hat man die totale Finsternis gesehen. Ich schaue nach unten: noch dunkel. Ich schaue wieder nach oben: und plötzlich trifft mich ein blendender Sonnenstrahl, und für einen Augenblick erblicke ich ein Stück diamond ring, des Bildes, das das Ende der totalen Finsternis markiert. Ich schaue nach unten, und die Stadt ist erleuchtet. Wir haben die totale Finsternis um zwei oder drei Sekunden verpasst oder, wenn ihr wollt, um zwei- oder dreihundert Meter. Aber wahrscheinlich hätten wir nicht all die Emotionen gehabt, die wir hatten, wenn die Dinge so gelaufen wären, wie wir es uns gewünscht hätten. Von jenem Moment an jedenfalls hat die spöttische Sonne nicht mehr aufgehört zu scheinen.

 Donnerstag, 12. August, ist unser letzter Tag in Timisoara. Am Nachmittag sind Sheckley, Tony Chester und ich damit beschäftigt, an einem runden Tisch zu plaudern. Am Abend Galadinner in einem fast ganz für uns reservierten Restaurant. Es scheint ein schöner Ort, wir machen es uns bequem, und eine Weile geht alles gut. Aber zwischen dem ersten und dem zweiten Gang vergehen zwei Stunden des Wartens, ehrlich gesagt zu viel, um nicht nervös zu werden. Nach dem Essen gibt es die rituellen Höflichkeiten, die die Nachwehen aller Galadinner begleiten, und Sheckley zieht sich klugerweise ins Hotel zurück. Nicht viel später werden auch wir ihm folgen. Morgen wird ein harter Tag.

 

Jeder Augenblick ist gut, um sich Notizen zu machen
Freitag, 13. August, ist ein harter Tag. Um halb neun Uhr morgens haben wir alles und alle ins Auto geladen und brechen auf, in den Südosten des Landes. Es gibt praktisch keine Autobahnen in Rumänien, und die Bundesstraßen sind, obwohl kürzlich neu asphaltiert, kein Spaß, vor allem, wenn man siebenhundert Kilometer am Stück darauf fahren muss. Auch weil man, wenn man das Land durchquert, auf derselben Route ist wie der gesamte kommerzielle Verkehr der Nation, und nicht nur: Das bedeutet Kolonnen rumänischer, bulgarischer, türkischer, aber auch italienischer und deutscher Lkw. Das Ganze gewürzt mit Dreschmaschinen, die ab und zu hinter einer Kurve hervorkommen und anderthalb Fahrspuren einnehmen, Tausenden von Bauernkarren, gezogen von Pferden, Karawanen von Zigeunern, die sich ebenfalls mit ihren Karren und Pferden fortbewegen, Schafherden, die ab und zu mit Gleichgültigkeit die Straße kreuzen, einsamen und nicht einsamen Kühen und selbstmörderischen streunenden Hunden. In regelmäßigen Abständen sind die Ränder der Straßen Rumäniens nämlich übersät mit Kadavern von Hunden, die die Straße im falschen Moment überquert haben. Es gibt Millionen streunender Hunde in Rumänien, die unaufhörlich zunehmen, und nach dem, was man mir erklärt hat, hat die Europäische Gemeinschaft die Rumänen aufgefordert, sie nicht zu töten, um nicht ihre tierischen Rechte zu verletzen, oder so etwas in der Art. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber es wäre typisch, und derweil nehmen die streunenden Hunde zu, bilden regelrechte Rudel, die manchen zufolge ab und zu sogar mal ein Kind verspeisen. Und derweil fahre ich. Ich habe für den ganzen Tag zu tun. Anders als beim Fahren auf der Autobahn kann man sich hier keinen Augenblick ablenken lassen. Wehe, man nimmt die Augen von der Straße! Vor Jahren, als ich zusammen mit Silvio Sosio und Luigi Pachì in diese Gegend kam, sagte ich ihnen, um ihren Schock über die rumänischen Straßen zu lindern (damals waren sie weit weniger asphaltiert als heute), dass die Straßen in Rumänien eine Metapher des Lebens sind: Man weiß nie, was im nächsten Augenblick kommt, und wenn man es am wenigsten erwartet, stößt man auf etwas Unvorhergesehenes. Wir fahren in die Karpaten und nehmen die Durchquerung Siebenbürgens in einem düsteren und faszinierenden Klima in Angriff. Das Wetter ist schlecht, die Wolken hängen tief, und es beginnt in Strömen zu regnen. Wir freuen uns über die passende Atmosphäre, aber die Freude währt nur kurz. Die Straße verläuft entlang eines Flusses, und zu unserer Rechten gibt es nur Felswände. Von denen, dank des Regens, nicht nur Wasser herunterkommt. Immer häufiger stoßen wir auf einen Erdrutsch, der einen Teil unserer Fahrbahn versperrt. Das ist ermutigend. Bis die Straße auf einmal von einem Erdrutsch blockiert ist, der sich gerade in jenem Moment vor uns ereignet. Die Autos stehen alle dort und warten. Die Straße ist noch nicht ganz blockiert, aber Brocken und Steinchen rollen über die Straße und machen die Durchfahrt wenig reizvoll. Ab und zu wagt ein Auto das Risiko und fährt durch, im Bemühen, die Felsen, die schon auf der Straße liegen, und die anderen, gefährlicheren, herankommenden zu umdribbeln. Ich fahre auf die Überholspur und nähere mich. Ich halte an. Versuchen wir durchzufahren oder warten wir noch? Bald könnte es zu spät sein, die Straße könnte sich ganz versperren. In jenem Moment saust ein großer Brocken pfeilschnell über die Straße vor uns. Es ist russisches Roulette. Zum Glück ist der laufende Erdrutsch nun in seinem ganzen Verlauf perfekt sichtbar. Es kommt allerlei den steilen Hang zu unserer Rechten herunter, aber man sieht es gut, und meist sind es kleine Steinchen. Was bedeutet, dass man mit ein wenig Umsicht ohne allzu große Risiken durchkommen kann, im Einklang mit dem Rhythmus des Erdrutsches, um so die seltenen Brocken zu vermeiden. Ich drücke das Gaspedal und zünde den Turbo des Motors und des Adrenalins. Während ich durch den Erdrutsch fahre, schleudert ein Rad einen Stein gegen den unteren Rahmen des Autos, und das laute Geräusch des Aufpralls erfreut uns nicht. Einen Augenblick später sause ich mit unerhörter Geschwindigkeit zwischen den Autos hindurch, die auf der anderen Seite des Erdrutsches wartend stehen, und jemand macht mich glücklicherweise darauf aufmerksam. Wenn der Adrenalin-Turbo anspringt, kann es vorkommen, dass man vergisst, ihn abzuschalten. Nicht ohne Mühe schalte ich ihn ab und werde langsamer. Ich fühle mich Sheckley gegenüber ein wenig schuldig, ihn bis hierher gebracht zu haben, und so sage ich ihm: Wenigstens ist es keine langweilige Reise. Sheckley antwortet mit überzeugter Miene: Nein, langweilig ist sie nicht. Von allen scheint er der am wenigsten Besorgte. Er macht sich gleich wieder ans Schreiben. Ich schiele auf sein Notizbuch und lese We stopped at one point and watched a flow of small pubbles trickle out of a hole in the mountainside and onto the road. It was like the Earth was bleeding. Für ihn sind die Ereignisse vor allem der Anlass, etwas zum Schreiben zu haben. Die Karpaten sind fast zu Ende. Es schüttet weiter. Sheckley schreibt weiter. Ich stehle ihm eine weitere Handvoll Sätze: The flooding grew worse as we continued. A deserted car park had become a lake, empty except for one white plasticchair floating in it. Occasionally we passed a peasant, standing at the side of the road, huddled under a plastic raincoat, waiting for God knows what. But for the most part we encountered no one. Als wir glauben, das Schlimmste überstanden zu haben, stoßen wir auf einen Stau. Es gibt eine Senke auf der Straße, die sich mit Wasser gefüllt hat. Die Lkw fahren durch, aber ein Auto, das dasselbe versucht, versinkt und bleibt dort. Hier kommt man nicht durch. Zum Glück gibt es eine Ausweichstraße, aber wir müssen einige Kilometer zurück. Ich wende und stoße, als ich die gerade befahrene Straße in entgegengesetzter Richtung zurückfahre, bald auf einen großen Brocken mitten auf der Straße. Kurz zuvor war er nicht da. Er ist kurz nach unserer ersten Durchfahrt und kurz vor unserer zweiten heruntergekommen. Wir haben Glück oder sind jedenfalls nicht vom Pech verfolgt. Eine halbe Stunde später haben wir die Karpaten unversehrt überwunden, und es ist wieder Ebene, was uns wirklich nicht missfällt, auch wenn die Atmosphäre nicht ebenso interessant ist. Wir kommen gegen acht Uhr abends in Bukarest an, aber das ist nicht unser heutiges Ziel. Wir wägen dennoch ab, ob wir anhalten oder nicht, und einstimmig wird beschlossen weiterzufahren. Die Finsternis bricht herein, und erst dann erinnere ich mich, warum ich nie nachts durch Rumänien fahren wollte. Die anderen entdecken es zum ersten Mal. In der Dunkelheit blenden dich die grellen Lichter der Lkw-Kolonne auf der Gegenfahrbahn, was in Rumänien nicht gerade das Beste ist, wo die Straßen Überraschung um Überraschung bereithalten, wo die von Pferden gezogenen Karren keine Rücklichter haben und wo die gelegentlichen Fußgänger fast mitten auf der Straße gehen, im Vertrauen vielleicht darauf, dass die Autos ihnen ausweichen, oder eher, ohne sich das Problem überhaupt zu stellen. Es ist der am wenigsten unterhaltsame Teil der Reise. Wir kommen zwischen zehn und elf Uhr abends in Cernavoda an. Dort gibt es ein Kernkraftwerk, aber wir können uns nicht allzu sehr beklagen. Wir Italiener (oder besser, wir Genuesen) haben es zusammen mit den Kanadiern gebaut. Wir werden in den geräumigen und luxuriösen Wohnungen untergebracht, die einst für das westliche Personal des Kraftwerks errichtet wurden. Wir sind müde, aber auch ziemlich zufrieden. Fünfzehn Stunden lang sind wir auf der Fahrbahn geblieben, haben unaufhörlich Autos, Lkw und Karren überholt und dabei darauf geachtet, nicht frontal in die Lkw zu krachen, die einem auf der Überholspur jeden Moment entgegenkommen, und wir haben überlebt.

 

Auf dem Boot nach Atlantykron
Samstag, 14. August, ist ein bewölkter Tag. Fünfunddreißig Kilometer von Cernavoda entfernt gibt es eine kleine Insel auf der Donau namens Atlantykron, nahe dem Dorf Capidava. Dorthin fahren wir. Ein wilder und der gewohnten Welt entrückter Ort, wo die Rumänen alljährlich eine Woche mit Veranstaltungen rund um die Science-Fiction organisieren. Ein kleines Boot setzt uns dorthin über. Wenigstens, versuche ich Sheckley zu ermutigen, wird dich hier niemand auf eine touristische Runde mitnehmen. Sheckley antwortet: Das ist eine gute Nachricht. Wir irren uns jedoch. Kaum auf der kleinen Insel ausgeschifft, Sorin Repanovici, der Organisator der Veranstaltung, empfängt uns und führt uns auf eine touristische Runde über die Insel, zeigt uns die Zelte und ihre Bewohner. Dann trinkt und isst man etwas auf dem Deck des an der Insel vertäuten Bootes, woraufhin ein Diskussionstreffen mit den Anwesenden der Insel folgt. Am Nachmittag zieht es Sheckley vor, in seine kleine Wohnung in Cernavoda zurückzukehren, weil er eine Erzählung schreiben will und dafür Einsamkeit braucht. Am Abend wird er sie schon fertiggestellt haben und darüber sehr zufrieden sein.

 Sonntag, 15. August, kehren wir nach Bukarest zurück. Es ist der erste Schritt in Richtung Heimat. In Bukarest stehen uns ein paar Wohnungen zur Verfügung, in denen wir unterkommen. Wir gehen bei Sydney mittagessen, einem sehr in australischen Pub, wo es auch mexikanisches Zeug zu essen gibt. Und genau dort, bei Sydney vor einem guten exotischen Gericht sitzend, erklärt Sheckley, dass Rumänien ihm zu gefallen beginnt und dass er sich vorstellen könnte, dort zu leben. Am Nachmittag will Sheckley weiterschreiben. Ich überlasse ihm meinen Laptop, und wir anderen gehen ein paar Runden drehen. Am Abend wird er eine weitere Erzählung geschrieben haben.

 

Im rumänischen Fernsehen, interviewt vom Minister
Montag, 16. August, ist ein sehr intensiver Tag, begonnen mit einem ordentlichen Erdbeben. Das Beben, das die Türkei zerstört hat, war auch hier zu spüren. Max und Ada, die Einzigen von uns, die zu jener Stunde wach waren, bezeugen, dass alles eine ganze Weile getanzt hat, während die Kronleuchter entschieden hin und her schaukelten. Ich schlief und habe nichts bemerkt. Am Vormittag sind wir ins rumänische Fernsehen eingeladen von Alexandru Mironov, ehemaliger Minister für Sport und Jugend sowie Science-Fiction-Experte und Moderator einer Science-Fiction-Fernsehsendung im ersten nationalen Kanal, der eine ausgezeichnete, auf uns zentrierte Sendung realisiert. Sheckley ist sehr zufrieden, und ich stehe ihm in nichts nach. Es war eine schöne Sendung, mit intelligenten Fragen und Reden, fern aller gewohnten Banalität. Zum Mittagessen flüchten wir uns wieder zu Sydney. Und am Nachmittag steht eine zweite Teilnahme an einer Fernsehsendung an. Diesmal sind wir zu Gast im Salon von Mihaela Muraru Mandrea. Am Abend hingegen sind wir zum Essen eingeladen bei Florin Munteanu, brillantester rumänischer Wissenschaftler und mein sehr großer Freund. Es ist ein sehr schöner Abend, dessen Beschreibung in jeder Form unzureichend wäre. Sheckley ist begeistert davon. What a fantastico man! wird er später kommentieren, wenn er an Florin zurückdenkt.

 

Unterwegs durch Bukarest
Dienstag, 17. August, gehen wir zu Nemira, unserem Verlag. Wir werden gut empfangen von Valentin Nicolau, dem Verleger, und Vlad Popescu, seinem Stellvertreter. Keine Höflichkeitsreden. Stattdessen jede Menge Zeit miteinander zum Plaudern jenseits der üblichen Rituale. Es bleibt auch Zeit für einen Abstecher in die Redaktion von Anticipatia, der langlebigsten rumänischen SF-Zeitschrift. Dann der übliche Imbiss bei Sydney. Am Nachmittag zieht sich Sheckley erneut zum Schreiben zurück. Wir gehen alle früh schlafen. Morgen wird ein harter Tag.

 


Rückkehr

Mittwoch, 18. August, geht es wieder los nach Italien. Um halb sechs Uhr morgens. Wecken um halb fünf. Es ist die beste Methode, um uns einige Stunden dichten Verkehrs zu ersparen und die Dauer der Reise zu verkürzen. Man reist nämlich schnell und ohne allzu viele Probleme. Indem wir so früh aufbrechen, kommen wir den großen Verkehrsströmen zuvor und sind am frühen Nachmittag schon an der Grenze von Arad. Mitten am Nachmittag kommen wir in Budapest an, wo wir haltzumachen gedenken. Nachdem wir schnell eine Unterkunft für Sheckley gefunden haben, brauchen wir einige Stunden, um auch uns anderen unterzubringen. Budapest ist rappelvoll, aber am Ende finden wir etwas. Es ist der Moment der Reise, in dem ich am müdesten bin. Immer und nur ich allein bin gefahren, und die Erschöpfung hat sich angesammelt. Zu sagen, ich sei erledigt, ist eine Untertreibung. Wir kehren auf das Schiff zum Abendessen zurück, wo wir auf dem Hinweg gegessen hatten und das uns so gut gefallen hatte. Es ist ein Monat vergangen, seit Sheckley bei uns ist, und jetzt isst er im Durchschnitt doppelt so viel wie bei seiner Ankunft. Heute Abend isst er mehr als das Vierfache. Er wird kurz darauf sagen: Ich werde mich lange an dieses Abendessen erinnern. Wir auch.

 Donnerstag, 19. August, ist der Tag der Rückkehr nach Italien. Wir durchqueren Österreich, wo wir auf der Autobahn auch noch einen schönen Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit kassieren, und gegen Abend kommen wir am Flughafen von Venedig an, wo sich plötzlich Sheckleys Rückflugticket nicht mehr findet. Es ist ein knappes Stündchen Suspense, dann taucht das Ticket auf. Wir finden ein nahegelegenes Gasthaus und lösen so auch das Problem dieser letzten Nacht. Um die Rückkehr nach Italien zu feiern, verschlingen wir ein paar ausgezeichnete Pizzen pro Kopf.

 Freitag, 20. August, nimmt Sheckley das Flugzeug, das ihn über London und Seattle zurück nach Portland, Oregon, bringt, wo seine Frau Gail auf ihn wartet. Auf dem Rückweg nach Genua herrscht eine Weile Schweigen im Auto. Und es ist Max, der irgendwann sagt: Er ist nicht mehr da. Mario entgegnet: Er war nie da. Ich bin an der Reihe: Er war da, er war da, es war keine Halluzination. Und wenn doch, dann ist es jedenfalls eine bessere Halluzination als die anderen. In Wahrheit habe ich es vielleicht nicht ganz so gesagt. Aber wen kümmern die Details, jetzt, da Sheckley nicht mehr in dieser Geschichte ist?

 Außerhalb der Zeit bleibt noch Zeit für eine abschließende Betrachtung: Was ihr bisher gelesen habt, ist die bloße Chronologie dessen, was geschehen ist. Nichts wirklich Bedeutsames ist in dem enthalten, was hier geschrieben steht. Was wirklich zählt, kann so nicht erzählt werden. Wahrscheinlich kann es überhaupt nicht erzählt werden. Es kann nur erinnert werden, von dem, der es erlebt hat. Und vielleicht ist nicht einmal das wahr. Was wirklich zählt, kann nur erlebt werden, während man es erlebt. Alles andere sind nur durchscheinende Darstellungen. Oder, wenn ihr wollt, Darstellungen von Darstellungen. Also etwas, das mit der Realität letztlich recht wenig zu tun hat. Begnügen wir uns und begnügt euch. Wichtig ist, sich so wenig wie möglich zu täuschen.

 Ein vollständigeres Fotoalbum der Reise ist verfügbar, indem man hier klickt. (http://www.fantascienza.com/quaglia/sheckley/1999/)